Mit anderen Augen sehen
Ein Bildband für Blinde und Sehende – ein unmögliches Unterfangen?
Der 27jährige Student Gregor Strutz baut mit seiner Diplomarbeit eine Brücke zwischen Blinden, Sehbehinderten und Sehenden. „Andere Augen“, so der Titel des „Fotolesetasthörbuchs“, das Leser und Leserinnen mit auf eine Reise nach Norwegen nimmt. Mit geprägter Blindenschrift, einer Audio-CD und 50 großformatigen Fotografien und einem beigelegten Interview-Heft erzählt es die Geschichte zweier Menschen und einer anderen Normalität.
Diese Geschichte beginnt dort, wo der Trondheimsfjord in den Atlantik mündet. An einem warmen Frühsommertag im Mai 2000 stellt sich der 20jährige Berliner Gregor Strutz auf dem Bauernhof der Familie Røland als Helfer für den Sommer vor. Nach dem Abitur in Deutschland hatte er gerade ein zusätzliches Schuljahr an einer norwegischen Folkehøyskole abgeschlossen, Norwegisch sprechen und Land und Leute lieben gelernt. Er bekommt den Job sofort – aus einem Sommer mit Arbeit auf dem Land werden viele, aus der Bekanntschaft mit den Rølands eine andauernde Freundschaft.
Wieder zurück in Berlin beginnt Gregor Strutz ein Grafikdesign-Studium und beschäftigt sich mit visueller Kommunikation. Doch die norwegischen Sommer in rauer und wenig besiedelter Umgebung, die Warmherzigkeit der Menschen, vor allem aber die Kraft und Ausdauer des Landwirts wirken nach.
Der 37jährige Arild ist mit Albinismus geboren, einer Stoffwechselerkrankung, die seine Sehfähigkeit bis auf 10% der gewöhnlichen einschränkt. Gregor Strutz ist beeindruckt davon, wie selbstverständlich Arild seinen Hof bewirtschaftet und körperlich schwere Arbeit leistet. Diesen Alltag will Strutz festhalten. In den folgenden Sommern beginnt er während zweier Studienreisen, unterstützt von der Norwegisch-Deutschen Willy-Brandt-Stiftung, zu fotografieren. Und er lernt Terje Karlsrud kennen. Auch der 46jährige Gymnasiallehrer muss sich mit einer anderen Normalität auseinandersetzen. Obwohl er im Laufe seiner Kindheit seine Fähigkeit zu sehen völlig verloren hat, unterrichtet er heute Geschichte, Norwegisch und Sozialkunde an einer Schule in Trondheim.
Dass die beiden Männer die Hauptfiguren in einem völlig neuartigen Buch werden würden, ahnte zu diesem Zeitpunkt niemand. „Dieses Buch ist eigentlich ein reines Zufallsprodukt“, erklärt Strutz. „Am Anfang waren die Fotos, aber es wurde schnell klar, dass die Hauptpersonen Arild und Terje das Ergebnis nicht sehen können. Es musste also ein Weg her, die Bilder zückzuübersetzen.“ Als die visuelle Kommunikation an ihre Grenzen stößt, sieht Gregor Strutz genau darin eine Chance.
So entstand ein Fotolesetasthörbuch, das auf vielen Ebenen Grenzen überwindet und Behinderungen aufhebt. Die 50 großformatigen Aufnahmen begleiten die beiden Norweger in ihrem Alltag. Sie erzählen von schwieligen Händen, die zupacken oder sanft das Fell einer Kuh streicheln, vom Abendbrot mit der ganzen Familie. Von sicheren Schritten an der Seite von Happy, einer Blindenhündin, vom Ende eines anstrengenden Schultages, von den ersten Sonnenstrahlen auf der Parkbank. Die Kamera ist nah an den Menschen, ohne aufdringlich zu sein. Man sieht den Respekt vor den Personen, die für Gregor Strutz mehr als nur Motiv sind. Und man hört ihn. „Arilds Hand in Großaufnahme. Sie streichelt über das Fell einer Kuh. Das Fell glänzt im Licht, es sieht weich und sauber aus. ... Wir spüren den warmen Geruch, der von der Kuh ausgeht.“
Um die Bilder auch für andere Augen sichtbar zu machen, entstand zu jeder der 50 Fotografien eine Bildbeschreibung auf der Begleit-CD. Außerdem lässt Strutz die Portraitierten selbst zu Wort kommen. Den Fotografien fügt er Interviews hinzu. Offen und ehrlich erzählen Terje Karlsrud und Arild Røland von ihren Sehnsüchten, Problemen und Hoffnungen. Mit Hilfe von vier Schauspielern ließ Strutz die übersetzten Gespräche einlesen, so dass nun Tonaufnahmen von über zweieinhalb Stunden Länge vorliegen.
„Auch für Sehende ist dieses Hörspiel interessant“, ist sich Gregor Strutz sicher, „sie können so einen authentischen Eindruck von der Wahrnehmungswelt blinder Menschen bekommen.“ Während des gesamten Projekts stellte sich für Gregor Strutz immer wieder die Frage nach Normalität. Was ist normal? Und wer setzt die Maßstäbe? „Normalität ist umfassender als man zunächst annimmt“, findet der Student. „Zu einer normalen Gesellschaft gehören immer auch Menschen, die anders sind; Behinderung und Abweichen vom Durchschnitt sind alltäglich. Also sollte auch der Umgang mit dieser anderen Normalität selbstverständlich sein. Und das kann man lernen.“ Sein Buch macht diesen Lernprozess ein Stück einfacher, indem es Berührungspunkte zwischen den Nutzergruppen schafft. Die Perspektive wechseln, sehen, mit den Finger lesen und mit den Ohren sehen, dazu lädt das Buch ein.
Nach eineinhalb Jahren Arbeit an dem Projekt sind nun 20 Exemplare von „Andere Augen – ein Fotolesetasthörbuch“ entstanden. Dieser erste Erfolg ist dem unermüdlichen Einsatz, mit dem Gregor Strutz um Sponsoren und Förderer warb, zu verdanken. Fast 80 Briefe hat er geschrieben und damit rund 5000 Euro aufgetrieben. Neben der Studienstiftung des Deutschen Volkes haben sich die Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig, das Deutsche Blindenhilfswerk und viele weitere Sponsoren engagiert. Das Projekt, das immer mehr Menschen begeistert, ist längst über eine normale Diplomarbeit hinausgewachsen. Je mehr Interessenten sich bei Gregor Strutz melden, desto größer ist seine Hoffnung, einmal eine kleine Auflage des Buches produzieren zu können, am liebsten auch in einer zweiten, norwegischen Ausgabe. Es lohnt sich, denn mit anderen Augen sieht man eben überall ein bisschen mehr. Mehr Informationen zum Projekt im Internet unter www.andereaugen.de
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