| - Eine künstlerische Expedition in den Permafrost (An Artistic Exploration Into A Region In A State Of Flux“) |
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Im September 2008 begab sich das Berliner Künstlerduo SpringerParker mit Unterstützung des Goethe-Instituts Norwegen auf eine Vorreise in die Region Finnmark. Schon während der Vorreise sammelten sie Material: Wasserproben wurden entnommen, Pflanzen, geologische Strukturen und Landschaften fotografiert - wie etwa im Stabbursdalen Nationalpark in der nördlichen Finnmark oder auf der Landzunge Knivskjellodden, dem nördlichsten Punkt des europäischen Festlandes. Kontakte zu norwegischen Kulturinstitutionen und Musikern wurden geknüpft, die an „Memoria Norway“ mitarbeiten werden. Auf einer weiteren Expedition werden Bild- und Tondokumente gesammelt. Die dann vorliegenden Audio- und Videomaterialien werden im Herbst 2009 während einer Norwegentournee in Live-Performances künstlerisch präsentiert. Schon dem Titel „An Artistic Exploration Into A Region In A State Of Flux“ ist der Aspekt der Transformation eingeschrieben – ein Begriff, der für das künstlerische Denken von SpringerParker von grundlegender Bedeutung ist. Er ist es aber auch in ganz konkretem Sinn: Die Pflanzenwelt, die Landschaft jener Region befindet sich – bedingt durch den Klimawandel – in ständiger Veränderung: in a state of flux. Eine Vorgehensweise der Dokumenta-tion dieses Moments ist für SpringerParker das Beobachten und Fotografieren: Sie fertigen Aufnahmen von Pflanzen und Erdoberflächen an. Diese sind Ausgangsmaterial für Ausdrucke auf halbtransparentem Architektenpapier, die an einem von oben beleuchteten Glastisch live collagiert, abgefilmt und mittels einer selbst entwickelten Software zu neuen Bildern, „Compositemischungen“ verarbeitet und verdichtet werden. Das Ergebnis sind Ausbelichtungen – welche SpringerParker in klassischem Holzrahmen präsentieren werden. Diese Werkgruppe nennen sie „Florae“. Ein weiterer Teil ist die Arbeit mit Wasserproben, die in Norwegen entnommen und mit nach Berlin gebracht wurden. Es ist das Wasser jener Permafrost-Regionen, deren Böden nun immer wärmer werden. In Berlin wird das Wasser zu Eisplatten gefroren, deren Strukturen auf fotografisches Material belichtet – die „Permafrost”- Fotoserie. „Memoria Norway“ ist eine Expedition, eine Forschungsreise, die in gleichem Maße traditionelle, wie sehr utopische Züge trägt. Trägt der Begriff der Expedition – lateinisch: „expeditio“ = „Erledigung“ oder „Feldzug“ – noch die Vorstellung in sich, man könne im exotischen Gelände etwas „erledigen“, sichere Auskunft über etwas erhalten, so begegnen SpringerParker diesem Gedanken mit Skepsis: Nicht Inbesitznahme, nicht wissenschaftliches Interesse ist ihre Triebfeder, sondern transdisziplinäre Weltzugewandtheit, künstlerisch-experimentelle Reflektion, der Wunsch nach Transformation von, wie sie selbst sagen, „akustischen und visuellen Eindrücken und Erinnerungen“. Mit ihrer Arbeit stellen sich SpringerParker deutlich gegen fotokünstlerische Trends und Strömungen der vergangenen Dekade, die Welt abzubilden. Dagegen erinnern sie in ihrer Haltung an Vergangenes, an jene Tendenz des Surrealismus etwa, Wissenschaftliches, die Medizin, die Mathematik, die Psychoanalyse, zum Ausgangspunkt künstlerischer Erforschungen zu machen, die nicht auf ein Äußeres, Objektives zielen, sondern – im Gegenteil – auf ein Inneres, Subjektives. Ziel des Surrealismus, formuliert im „1. Manifest des Surrealismus“ von 1924, ist die Auflösung der „äußerlich so widersprüchlichen Zustände – Traum und Wirklichkeit“. Und auch „Memoria Norway“ negiert die Festschreibung des Wirklichen. Wenn SpringerParker – wie einst Max Ernst – Frottagen, Durchreibungen von Strukturen, anfertigen werden, dann auch, weil ihnen die Kraft des Zufalls sympathisch ist. Dieser glückliche Zufall, der bewusste Verzicht auf künstlerische Kontrolle, ist auch für ihre Arbeit am Leuchttisch, die Arbeit mit den „Composites“, aber auch bei der Herstellung der „Permafrost“-Fotoserie wichtig. SpringerParker, die bei ihren künstlerischen Projekten gefundenes Material bearbeiten und transformieren, sind daran interessiert, aufzuklären, über den Klimawandel etwa, über die Vegetation, über das Leben der Menschen der Region, auch über die wichtige Rolle, welche die norwegische Landschaft in der Kunstgeschichte gespielt hat, doch genauso geht es ihnen um die Brechung ihres erweiterten Landschaftsbegriffs, die Brechung allzu deutlicher Bilder. Verschleierung, Irritation, Geheimnis, Metarmorphose: All das spricht aus der Kunst von SpringerParker. „Memoria Norway“ ist eine Collage über ein geografisches Gebiet, ist Versuch, einen assoziativen Strom der Bilder und Klänge, optischer und akustischer Signale zu schaffen, auch, der Improvisation freien Raum zu geben. In diesem Sinne: etwas Unerwartetes zuzulassen. Das Ziel ist nicht wenig, nämlich: eine neue Sichtweise auf die Landschaft.Immerwährender Wandel bestimmt die Kunst von SpringerParker, was nicht zuletzt an eine andere Kunstrichtung erinnert. Der Litauer George Maciunas schrieb 1963 in einem Manifest: Fluxus. „Das Leben ist ein Kunstwerk, und das Kunstwerk ist Leben. Fluxus begriff das gesamte Leben als ein Stück Musik, als einen musikalischen Prozess“, so beschrieb Emmett Williams die visionäre Philosophie der weltweit agierenden, meist als Kollektiv arbeitenden Fluxus-Künstler, deren Idee, ihre Gesamtkunstwerke als multimediale, choreografierte Collage zu präsentieren, deutliche Spuren bei SpringerParker hinterlassen hat. Die Kunst von SpringerParker ist eine tiefgründige, multimediale Reise in eine unbekannte Region. Genauso, wie sich die auftauende Landschaft des nördlichen Norwegens wandelt, so bleibt das Werk von SpringerParker in a state of flux. © Marc Peschke 2008 www.springerparker.com |
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