Wer nach Norwegen reist, der kommt kaum umhin an einem der Fjorde entlang zu fahren, sie sich von der Küste weit in das Landesinnere bohren. Zum Greifen nah scheint das andere Ufer, doch oft zieht sich der Landweg dorthin deutlich länger als angenommen. An einigen Punkten helfen hier Fähren aus. Was für Touristen malerisch und idyllisch erscheint, ist für die norwegische Wirtschaft ein regelrechtes Hindernis. Dies wird nun in Angriff genommen.

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(Bildquelle: The Norwegian Public Roads Administration)

Durch die zahlreichen Fjorde ist die dem Atlantik zugewandte Küste Norwegens insgesamt rund 25.000 Kilometer lang. Ohne diese wären nur gut 2.600 Kilometer. Immer dringen die Meeresarme weit in das Landesinnere ein und verlängern so die Küste. Am weitesten tut dies der Sognefjord, der mehr als 200 Kilometer in das Fylke Sogn og Fjordane hineinreicht. Sie sind es, die die Natur Norwegens so einzigartig macht und Jahr für Jahr tausende Touristen anziehen. Die weiten Wege um die Fjordarme und die Querungen mit den Autofähren gehören zu jedem Aufenthalt in Norwegen dazu, ganz besonders im fjordreichen Westen des Landes.

Was die Touristen hier reizt ist der Wirtschaft jedoch ein Hindernis. Transportwege und Lieferzeiten verlängern sich und die Kosten steigen. Auch verhindern die Fjorde in weiten Teilen des Landes den effektiven Ausbau des Schienennetzes, sodass Auto, Bus, Boot und Flugzeug die Hauptverkehrsmittel bleiben. Um die wachsende Wirtschaft zu unterstützen arbeitet die norwegische Regierung nun an einem Programm, um den Westen Norwegens zwischen Kristiansand im Süden und Trondheim im Norden schneller zu erschließen. Konkret ist hierfür geplant „trockene“ Fjordquerungen einzurichten, also bestehende Fährverbindungen durch Tunnel oder Brücken zu ersetzen und so die Route einerseits zu begradigen und andererseits die vorprogrammierten Wartezeiten auszuschließen. Die kürzlich veröffentlichten Studien lassen einen staunen. Die Rede ist von schwimmenden Tunneln und Brücken, die noch dazu Strom erzeugen sollen.

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Was sich im ersten Moment unbegreiflich anhört, ist vor allem den technischen Anforderungen geschuldet. Während der Drogdentunnel als Teil der Öresundverbindung zwischen Dänemark und Schweden die Ostsee an einer Stelle quert, wo diese nur etwas über 10 Meter tief ist, so weist allein der bereits angesprochene Sognefjord mit seinen gewaltigen Dimensionen eine Wassertiefe von mehr als 1.300 Metern und eine Breite von zumeist mehreren Kilometern auf. Zusammen stellen diese Werte die Ingenieure vor bislang noch nie bezwungene Herausforderungen. Da weder Tunnel noch Brückenpfeiler aufgrund der enormen Tiefe am Boden des Fjords befestigt werden können, sollen die einzelnen Elemente daher in Pontonbauweise schwebend im Wasser verbaut werden. Als Gezeitenkraftwerke könnten sie außerdem den Tidenhub zwischen Ebbe und Flut zur Energiegewinnung nutzen. Allerdings darf nicht die weitere Anforderung vergessen werden, dass die Fjorde schiffbar bleiben müssen.

Die Pläne sind insgesamt nicht neu, kommen aber nach einem ersten gescheiterten Anlauf in den späten 1980er Jahren nun erneut aufs politische Parkett. Ziel ist es die Fahrzeit zwischen Kristiansand und Trondheim bis 2035 von aktuell rund 20 Stunden auf 10 Stunden zu halbieren. Die Kosten für die schwimmenden Tunnel und Brücken werden aktuell mit rund 37 Millionen Euro beziffert.

So utopisch dieses Projekt auch klingen mag, ist es den Norwegern durchaus zuzutrauen es zu realisieren. Unvergessen ist der Schiffstunnel zur Umgehung des Stadshavet, der kurz vor der Realisierung steht und über den bereits im DNF-Magazin berichtet wurde.

Durch solch wagemutigen Infrastrukturprojekte positioniert sich Norwegen zunehmend als Vorreiter für innovative Verkehrssysteme, gerade auch in Kombination mit dem Faktor Nachhaltigkeit. Und bei der Vielfältigkeit und Komplexität der norwegischen Landschaft kann man sich sicher sein, dass noch weitere beeindruckende Projekte folgen werden.

17. August 2016


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